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MitteilungenSenioren Union

Vortrag Stadtarchiv

By 23. August 2026No Comments

Am 5. August stellte der Stadtarchivar der Stadt Menden, Stephan Reisloh, im Haus Lenze in Lendringsen im Rahmen des monatlich stattfindenden Politischen Frühstücks ca. 50 Mitgliedern der Seniorenunion Menden die Aufgaben und die Arbeitsweise des Stadtarchivs sowie die Stadtgeschichte in Bildern und Raritäten vor, wie man sie im Stadtarchiv finden kann.
Er hob hervor, dass das Stadtarchiv der Schlüssel zur Stadtgeschichte ist. Denn dort werden verschiedene Arten von Archivalien aufbewahrt, die mit der Stadt und dem ehemaligen Amt Menden zu tun haben. Solche Archivalien können Urkunden, Amtsbücher, Protokolle, Akten, Publikationen, Karteien, Karten, Pläne, Plakate, Fotos und Filme sein, aber auch Bestände städtischer Einrichtungen, wie z.B. von Schulen, Sonderbestände wie Personalakten, Haushaltspläne, private Schenkungen, z.B. Nachlässe und Vorlässe sowie Firmenarchive u.v.m.


Als besonders wertvoll stellte Reisloh historische Urkunden vor, von denen das Stadtarchiv 83 besitzt, darunter die älteste von 1379. Das Stadtsiegel, das sich im Laufe der Jahrhunderte geringfügig verändert hat, gebe es schon seit 1395 mit dem Stadttorturm. Im Archiv sind die verschiedenen Ausgestaltungen des Stadtsiegels dokumentiert. Dagegen fehlt die Urkunde zur Stadterhebung, deren Jubiläum wir in diesem Jahr feiern. Da sie verbrannt ist, kann niemand darauf zurückgreifen, aber im Landesarchiv Münster wird Menden bereits 1276 als „Oppidum“ erwähnt, d.h. dass es damals schon eine befestigte Siedlung war.
Manche Dokumente bzw. Erinnerungsstücke gibt es aber auch außerhalb des Stadtarchivs. So wies der Vortragende darauf hin, dass ein Fenster im Alten Rathaus den Einzug des Bischofs Walram 1333 darstellt, der angeblich in diesem Jahr die Stadt Menden besucht hat. Im Archiv befindet sich ein Druck von diesem Fenster.
Die Hexenprozesse, die es im 17. Jahrhundert auch in Menden gegeben hat, worauf sich u.a. der Name der Stadtbibliothek bezieht: „Dorte-Hillecke-Stadtbibliothek“, sind in Form von Hexenprotokollen im Alten Pastorat aufbewahrt. Die Transkription dieser Urkunden durch Dr. Gisbert Kranz befindet sich dagegen im Stadtarchiv.
Die Ratsprotokolle gehören zu den Archivalien, die es seit 1654 mit geringen Lücken gibt. Das Gleiche gilt für die Zeitungen. Den Westfälischen Telegraf, Vorgänger der Mendener Zeitung, gibt es seit 1860 und im Stadtarchiv sind alle Ausgaben von 1861 bis 2010 eingelagert. Die Westfalenpost wird seit 1946 gesammelt. Aufgrund der Digitalisierung, die ebenfalls kontinuierlich erfolgt, konnten auch Schlagwortverzeichnisse angelegt werden.
Auch bei privaten Interessen können Bürger etwas im Stadtarchiv finden. So gibt es ein Personenstandsregister mit Geburts- Heirats- und Sterbeurkunden sowie eine Meldekartei von 1880 bis 1950. Dort findet man auch einige Ausweise jüdischer Bürger, die während der NS-Zeit mit einem großen „J“ versehen wurden. Den Vornamen wurde zwangsweise jeweils ein männlicher (Israel) oder ein weiblicher Vorname (Sara) hinzugefügt.
Ebenso lagern Akten aus der nationalsozialistischen Herrschaftszeit im Stadtarchiv.
Für die Soldaten aus Menden, die im Ersten Weltkrieg gekämpft haben, gibt es ein „Ehrenbuch“. In einem „Eisernen Buch“ sind die gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs eingetragen, allerdings nicht vollständig.
Münzen aus verschiedenen Zeiten sind zu sehen, aber auch Inflationsgeld, das sogenannte „Mendener Notgeld“.
Neben verschiedenen Urkunden werden auch Chroniken aufbewahrt, so z.B. die „Sommerchronik“, benannt nach dem ersten Stadtarchivar, der 1935 bis 1954/55 die Ortchronik ehrenamtlich geführt hat.

An Plänen kann man z.B. Bebauungspläne, Bauakten, Straßenpläne und Stadtpläne finden, auch einen Fluchtlinienplan (Fluchtlinie = festgelegte Linie, an der sich die Vorderseiten von Gebäuden orientieren sollen) mit dem Namen der Hausbesitzer.
Natürlich gibt es auch ein Fotoarchiv und Medien wie Filme, Schallplatten, Videokassetten, CDs und DVDs.
Nachlässe von Privatpersonen sind ebenso im Stadtarchiv zu finden, aber gerne auch abzugeben, so z.B. alte Wehrpässe, aber auch andere persönliche Dokumente.
Und damit leitete Stephan Reisloh zu einer weiteren wichtigen Aufgabe des Stadtarchivs über: die Öffentlichkeitsarbeit. Die Mitarbeiter des Archivs – außer zwei hauptamtlichen Stadtarchivaren gibt es noch einen „Bufdi“ (Bundesfreiwilligendienst) und vier ehrenamtliche Mitarbeiter – veröffentlichen Aufsätze und Bücher, erwähnt sei z.B. die vom Märkischen Kreis herausgegebene Broschüre „Jüdische Nachbarn im heutigen Märkischen Kreis ca. 1234-2021“, zu dem Stephan Reisloh das Kapitel „Menden“ beigesteuert hat und Jutta Törnig-Struck darin den letzten Abschnitt, „Ort des Erinnerns“, wo es hauptsächlich um die Gedenkstätte in der Hochstraße und den Jüdischen Friedhof am Schwitter Weg geht.
Digitalisierung spielt in heutiger Zeit eine herausragende Rolle. So werden nicht nur Zeitungen digitalisiert und katalogisiert, sondern es gibt auch eine „Zeitgeschichtliche Sammlung“, in der vor allem Materialien gesammelt werden, die das politische, gesellschaftliche und alltägliche Leben in Menden aus jüngerer Zeit dokumentieren.
Zu den Aufgaben eines Archivars gehört aber nicht nur die Sammlung von Archivalien, sondern auch deren Erwerb und Entscheidungen darüber, was es wert ist aufgehoben zu werden, u.a. auch im Hinblick auf zukünftige Forschung. Zudem gehört zur „Erschließung“ die Anlage von Stich- bzw. Schlagworten, um Einzelnes auffindbar zu machen. Daneben ist auch das „Erhalten“ eine notwendige Aufgabe. Hierbei müssen bestimmte Bedingungen der Aufbewahrungsweisen (z.B. liegende Aufbewahrung in Pappschachteln) und Aufbewahrungsorte eingehalten werden. Papier muss u.U. durch Entsäuerung haltbar gemacht werden. Aber auch das „Nachkassieren“, die Entsorgung muss geregelt vorgenommen werden.
Für die Archivalien gibt es ein Magazin im Keller, in dem das Raumklima optimale Bedingungen aufweist: 12-16 Grad Celsius, 45-55 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Das Erdgeschoss des jetzigen Archivs im Westwall weist außer einem Büroraum auch einen Nutzerraum auf, der für den Besucherverkehr als Lese- und Arbeitssaal zur Verfügung steht und wo die Besucher u.a. die Präsenzbibliothek nutzen können.
Wie überall haben auch Archivare eine Dokumentationspflicht: Alles, was sie im Stadtarchiv oder im Zusammenhang damit machen, muss aufgeschrieben werden.
Nach diesem Vortrag hatten die Zuhörer das Gefühl, dass die vielfältigen Aufgaben im Stadtarchiv kaum von den angestellten Mitarbeitern gestemmt werden können. Stephan Reisloh sagte auch: „Ohne die vier Ehrenamtlichen wäre die Arbeit nicht zu leisten.“
Das Problem des Personalmangels wird jedoch noch überlagert von dem des Platzmangels. Wenn das Stadtarchiv so weiter wächst wie bisher, wird es bald an seine räumlichen Grenzen stoßen. Deshalb sind die Verantwortlichen bereits auf der Suche nach einem neuen, geräumigeren geeigneten Standort. Ob dieser sich im Alten Rathaus befinden könnte, wurde als Frage aus dem Publikum gestellt. Reisloh äußerte, dass er sich darüber freuen würde, gab aber zu bedenken, dass sich das Stadtarchiv möglicherweise den Platz mit mehreren anderen Einrichtungen teilen müsste.
Bei der Befragung im Anschluss an den Vortrag wurde gefragt, warum die Stadt das Angebot, Räume im Kreisarchiv in Altena (kostenlos) zu nutzen, nicht angenommen hat. Der Referent wies darauf hin, dass auf diese Weise in Menden nur noch Teile der Archivalien gelagert würden, was aber den Nachteil habe, dass man zum „Ausheben“ von Archivalien weite Wege hätte und für einzelne Akten bis nach Altena fahren müsse. Zudem sei es sehr fraglich, ob das Publikum dann noch alle Archivalien vor Ort in Menden vorfände. Wer würde sich auf den Weg nach Altena machen, um ein bestimmtes Dokument zu finden, wie würde die Beratung aussehen?
Eine weitere Frage bezog sich auf die privaten Dokumente. Ob es nicht ein Recht auf Vergessen gebe? Hierzu äußerte Reisloh eine klare Meinung: Ein solches Recht auf Vergessen gebe es im Archivgesetz nicht und das sei aus seiner Sicht auch richtig: Wenn etwas für die Forschung wichtig sei, könne man im Einzelfall nicht auf persönliche Interessen Rücksicht nehmen, z.B. im Zusammenhang mit Archivalien aus der NS-Zeit. Dies sei vergleichbar mit dem Umgang mit inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi. Dem Recht auf Öffentlichkeit seien durch persönliche Schutzfristen Grenzen gesetzt, etwa 100 Jahre nach der Geburt und 10 Jahre nach dem Tod.
In diesem Zusammenhang wurde nach dem Forschungsobjekt „Schwalbe“ gefragt. Über die Geschichte dieses Rüstungsprojekts, bei dem Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt wurden, gibt es im Stadtarchiv viele Dokumente.
Auf die Frage nach der Sicherheit der digitalisierten Daten erwähnte Reisloh zwei geschützte Server im Rathaus.
Jemand zeigte sich auch interessiert an den (katholischen) Kirchenbüchern. Diese seien bis 1874 digitalisiert und befänden sich im Erzbistum Paderborn, im Internet kostenlos einsehbar über „matricula-online.eu“.
An der lebhaften Diskussion im Anschluss an den Vortrag, aber auch an der durchgehenden Aufmerksamkeit des Publikums war zu erkennen, dass die Ausführungen des Stadtarchivars, veranschaulicht durch eine Power-Point-Präsentation, als sehr eindrucksvoll und interessant empfunden wurden. Vielleicht fühlt sich jetzt der eine oder andere angeregt, das Stadtarchiv aufzusuchen, um mit eigenen Augen zu sehen, was in dem Vortrag präsentiert und erklärt wurde. oder auch mit eigenen Anliegen an die Fachleute heranzutreten. Darüber hinaus hat sich die Wertschätzung dieser meist im Verborgenen geschehenden Arbeit durch diesen Vortrag sicherlich stark erhöht.

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